Linda Ehrl
Stylist & Set-Designer, Apartment, Mitte & Grunewald, Berlin
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Als Fashion-Stylistin war bereits sehr erfolgreich: Sie hat überall mitgemischt, von Haute Couture bis hin zum Kommerz. Ihr ästhetisches Feingefühl setzt die gebürtige Frankfurterin mittlerweile auch verstärkt im Interior Design ein.

 

In Schweden und im Schwarzwald aufgewachsen, reiste Linda schon als Teenager durch die Weltgeschichte. Nach ihrem Studium kehrte sie nach Arbeitsstationen in Paris und Mailand zurück nach Berlin. Lindas Bleibe in der Hauptstadt zeugt von ihrem bewegten Leben.

Geschmackvolle Möbelklassiker mit vielen wunderschönen Requisiten zeichnen Lindas Wohnung besonders aus. Zwischen einem Leoparden aus Porzellan, alten Filmplakaten und Mitbringseln aus der ganzen Welt erzählt sie uns von ihrem Alltag als Interior-Stylistin – und warum ihr Scirocco, im Volksmund auch Porsche der Armen getauft, ihr Lieblingsauto ist.

Du bist in Frankfurt am Main geboren, aber auf der schwedischen Insel Öland und im Schwarzwald aufgewachsen. Wie bist du nach Berlin gekommen?

Als ich 16 war, sind meine Eltern nach Berlin gezogen. Im Schwarzwald hatte ich meine eigene Wohnung und wollte zunächst nicht nach Berlin. Die Stadt war mir zu groß. Viel lieber wollte ich um die Welt reisen und schauen, wo ich lande. Aber als ich mit 18 hier war, um für mein Abitur zu lernen, habe ich mich verliebt – in die Stadt und auch in einen Mann. Der hatte das coolste Auto: einen alten, trashigen Porsche in Silber, mit roter Stoßstange und blauem Kotflügel. Am Ufer der U1 sind wir manchmal Wettrennen gefahren.

Wie ging es in Berlin für dich weiter?

Mit einem Modedesign-Studium am Lette-Verein. Danach habe ich in Paris für Chloé Tücher und Krawatten entworfen und in Mailand als Fashion Editor gearbeitet. Da habe ich gemerkt: Es gibt schon so viel Schönes in der Modewelt, ich muss nicht auch noch etwas designen, sondern kann mit dem Vorhandenen spielen. Inzwischen freue ich mich allerdings auch wieder, wenn ich selbst entwerfe. So habe ich im Sommer 2013 mit Lukas Feireiss ein Stoffdesign für den in Berlin ansässigen Modedesigner Michalsky gemacht. Den hat er dann für seine gesamte Kollektion benutzt.

Aus Heimweh bin ich 2005 zurück nach Berlin gekehrt, war Fashion Editor der Bread & Butter und bin seit 2008 freie Stylistin. Aber mir fehlte etwas: Ich wollte nicht nur die Ideen anderer umsetzen, sondern auch das Konzept mitgestalten.

Und was hat dich zum Set-Design gebracht?

Ein schönes Set-Design fand ich immer wichtig, ob auf dem Laufsteg, in Filmen oder bei einem Schaufenster. Als freie Stylistin musste ich mich oft auch um das Set kümmern. Dabei habe ich mehr und mehr gemerkt, dass ich den Interior-Aspekt unglaublich spannend finde. Zum Glück hatte ich Freunde, die meine Leidenschaft und meine Fähigkeiten gesehen und an mich geglaubt haben.

Bei einer Berlinale habe ich zusammen mit einer tollen Ausstatterin, Siby Tourdulichlle Oellerich, ein komplettes Apartment in einen VIP-Raum für die Schauspieler verwandelt. Alle sollten sich wie Zuhause fühlen: Es gab eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Ankleidezimmer, woraus am Ende der Berlinale dann Tanzfläche und Dinner Saal wurden. Das war toll! Der Kunde hatte großes Vertrauen und wir waren kreativ völlig frei. Das war für mich der Durchbruch im Job.

Was ist beim Einrichten wichtiger: genaues Planen oder eine gute Intuition?

Beides! Dass mir das Einrichten liegt, habe ich mit dieser Wohnung gemerkt: Ich hatte vier Jahre nach einer festen Bleibe gesucht und war wahnsinnig erleichtert, als ich endlich meinen Mietvertrag unterschreiben konnte. Bevor ich eingezogen bin, war ich zehn Tage auf einer Meditationsreise in Dresden. Statt abzuschalten, habe ich die ganze Zeit an die Wohnung gedacht. Ich war nur ein einziges Mal da, hatte aber schon im Kopf damit begonnen, die gesamte Wohnung einzurichten. Als ich wiederkam, setzte ich mein inneres Konzept in die Tat um. Absurderweise hat alles haargenau gepasst. Jeder Zentimeter bei jedem Schrank, jede Ecke des eingebauten Hochbettes. In einer Woche sah die Wohnung so aus, als hätte ich schon ewig darin gewohnt. Meine Freunde meinten nur: Du spinnst doch! Da habe ich realisiert, dass ich ein ausgezeichnetes dreidimensionales Vorstellungsvermögen habe.

 

Wie hat sich deine Wohnung im Laufe der Zeit verändert?

Früher musste ich Platz sparen, denn mein Zuhause diente gleichzeitig auch als Büro und Fundus. Heute habe ich ein sehr schönes Studio mit kreativen Menschen gefunden und damit wieder genug Raum für ein richtiges Bett in meiner Wohnung. Von dem Hochbett konnte ich mich trotzdem nicht trennen – wer weiß, was noch für Zeiten kommen. (lacht)

Ein Großteil meiner Sachen habe ich auch nicht für mich selbst, sondern für Jobs gekauft, aber irgendwann hänge ich an ihnen und behalte sie. Und umgekehrt passen meine persönlichen Sachen oftmals gut in ein Set. Manchmal nehme ich ein Bild oder eine Deko mit zu einem Projekt und wenn ich zurückkomme, weiß ich gar nicht mehr, wo es hingehörte. Meine Wohnung verändert sich mit den unterschiedlichen Jobs im Laufe der Jahre einfach mit.

Ist es dir bei der Arbeit wichtig, deinen persönlichen Geschmack umzusetzen?

Bei einer Werbeproduktion muss ich mich an klare Regeln halten, auf einer Messe habe ich mittlerweile sehr viel Freiheit. Wenn ich viele Vorgaben habe, passiert es schnell, dass ich das Ergebnis gar nicht mehr leiden kann. Letztes Jahr an Silvester habe ich mir deshalb geschworen: ab jetzt nicht mehr. Ich möchte verstärkt mit Freunden arbeiten und Projekte machen, bei denen mich das Ergebnis rundweg überzeugt. Ich arbeite ohnehin am liebsten mit kreativen Menschen, deren Ideen mich wirklich inspirieren.

Mode spielt in deinem Beruf immer noch eine Rolle. Und privat?

Ich bin kein Shopping-Fan, für mich gehört das zum Job. Aber natürlich möchte ich auch ein paar Besonderheiten im Kleiderschrank haben. Zum Beispiel habe ich ein besticktes Jeanshemd, das meine Freundin Mallence Bart-Williams im Rahmen ihres Projektes mit ein paar Jungs produziert hat, die unter einer Brücke in Sierra Leone lebten. Ich habe eine Kollaboration mit Lee Jeans ermöglicht und so konnten sie an 50 weiteren Hemden arbeiten. Mallence hat immer wieder solche Projekte realisiert und bewirkt, dass die Jungs inzwischen ein Dach überm Kopf, eine Chance auf Bildung und vor allem eine eigene Identität aufbauen konnten.

Kommen wir auf deine Autos zu sprechen. Wonach suchst du die aus?

Ich habe lange nach einem stylischen alten Auto gesucht, in das auch die großen Koffer mit all meinen Utensilien hineinpassen. Alle gucken ungläubig, wenn sie sehen, wie viel in mein Auto tatsächlich hinein geht. Ich bin selbst immer wieder überrascht. Mein Auto muss auch nicht glamourös sein. Ich träume zwar von einem Porsche in Egg White, aber würde damit gar nicht fahren wollen. Ich muss als Stylistin nicht im Porsche auftauchen: Jeder weiß, dass es in diesem Beruf auch Zeiten gibt, in denen weniger los ist. Mein erstes Auto war zwar ein alter Daimler 230 CE, der aber mit den vielen Reparaturen zu teuer wurde. Danach bin ich diverse Schrottautos gefahren. Mein Auto darf auch gerne abgerockt aussehen, das ist doch ein Gebrauchsgegenstand!

Was gefällt dir speziell am Scirocco?

Der Scirroco ist mit seinem 90er Design schon fast wieder prollig. Er wird auch Porsche der Armen genannt – das Auto ist das reinste Understatement. Ich liebe, dass es nach Rennauto und DeLorean aussieht. Es ist so lustig, wie die Leute auf ihn reagieren. Besonders, wenn wir als Mädels-Team mit dem Auto zum Messeaufbau fahren. Drei hübsche Frauen auf der Laderampe – und alle Bauarbeiter pfeifen!

Wo fährst du in Berlin gerne mit dem Wagen hin? Hast du ein Lieblings-Ausflugsziel?

Der Teufelsberg ist so ein Ort, an den ich oft gefahren bin, als ich neu in der Stadt war, insbesondere, wenn ich die Natur vermisst habe. Bis heute zeigt mir der Teufelsberg ein anderes Gesicht der Stadt.

Danke für die Einladung in dein Reich, Linda, und den Ausflug zum Teufelsberg. Für mehr Infos besucht Lindas . Weitere Berliner Portraits gibt es hier.

Dieses Portait ist außerdem Teil von “Friends Of Cars”, unserer gemeinsamen Serie mit . Mehr über Linda und eine Tour mit seinem Auto gibt es .

Zu weiteren Interviews mit Berliner Kreativen geht es hier.

Fotografie: Text: Kai Kolwitz & Marietta Auras