Wissen durch Sehen: Die Zeichnungen von Katie Scott verschmelzen Wissenschaft und Kunst
Ein Besuch in ihrer Wunderkammer, London
Werde Magazin × Tourdulich
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In ihrer Fortsetzung der langen Geschichte anatomischer Studien ist Katie so etwas wie eine Kunsthandwerkerin. Sie hat bereits mit zahlreichen medizinischen Fachzeitschriften und Institutionen zusammengearbeitet und drei Enzyklopädien veröffentlicht: Story of Life: Evolution, Botanicum und Animalium. Letztere wurde sogar von der Sunday Times als „Children’s Book of the Year“ ausgezeichnet.

Während Katies Zeichnungen fest in der Tradition wissenschaftlicher Illustrationen verankert sind, fügen Einflüsse aus Fantasy, Science Fiction und zeitgenössischem Design eine besondere kulturelle Perspektive zu ihrem Naturuniversum hinzu. Diese spezielle Mischung ist es wohl auch, die bereits die Aufmerksamkeit vieler bekannter Modeschöpfer, Innenarchitekten, Tattoo-Künstler, Musiker und Filmschaffender gleichermaßen auf sich gezogen hat. Zur Zeit sind Projekte mit gleich zwei großen Modehäusern und eine Modelinie für Kinder in Planung, was erneut zeigt, wie umfassend die Wirkungskraft von Katies Arbeiten ist.

Dieses Porträt ist in Zusammenarbeit von Tourdulich und dem entstanden, basierend auf einem gemeinsamen Interesse an kreativer Arbeit, die sich Naturthemen widmet. Für Werde hat Katie beschrieben, wie sie an eine Zeichnung herangeht: Das DIY dazu findet ihr .

„Pflanzen müssen nicht immer liebenswürdig sein. Ich möchte gerne ihre dunklere Seite beleuchten und ihnen eine Fülle an Persönlichkeiten verleihen.“

Katies Illustrationen entstehen in ihrem Nord-Londoner Studio, welches sie sich mit einer Gruppe von Freunden teilt, darunter ihr Partner, ein Motion-Designer, mit dem sie gelegentlich auch zusammenarbeitet. In einer der Raumecken befindet sich Katies Schreibtisch, umgeben von Pflanzen und Büchern. Einige davon sind ihre eigenen, andere wiederum stammen von Künstlern und Wissenschaftlern mit einem ähnlichen Hang zum sonderbar Wundervollen. Ernst Haeckel, Fritz Kahn, Albertus Seba, Makoto Azuma: Katies Sammlung ist variationsreich, doch all diese Künstler verbindet ihre Hingabe zum Detail und ihr Gespür für Formgestaltung. „Ich lasse mich zwar von allen möglichen medizinischen oder naturhistorischen Kunstwerken beeinflussen, aber ich bin nicht daran interessiert, lediglich Reproduktionen anzufertigen“, betont sie. „Meine visuelle Sprache bindet Elemente aus jahrtausendealten wissenschaftlichen Kunstwerken mit ein und gibt ihnen hoffentlich eine moderne Wendung.“ Auf ihrem Tisch liegen zwei Zeichenpads, das eine klein und schon leicht mitgenommen, das andere groß und glänzend. „Es war eigentlich als eine Art Belohnung für all die harte Arbeit gedacht, aber es ist einfach zu groß und lässt den Arm schnell müde werden!“, sagt sie. „Kaum zwei Tage in Gebrauch, wurde es wieder gegen das alte vertraute eingetauscht.“

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„Definitiv einer der Vorzüge an einem genau definierten Arbeitsfeld: Leute kennen deinen Geschmack und kaufen dir großartige Bücher! Tatsächlich sind alle meine Lieblingsbücher Flohmarktfunde von Freunden und Familie. ,Als ich das entdeckt habe, musste ich an dich denken’ höre ich oft.”
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„Von den Objekten in meiner Wohnung habe ich die meisten selbst gekauft. Eines Tages realisiert man, dass man eine Sammlung zusammen hat, ohne darauf aus gewesen zu sein. Kröten und Frösche haben es mir eindeutig angetan – und alles mit Tiermustern, allerdings muss mich ihr Charakter ansprechen.”
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Man kann nicht behaupten, Katie sei eine Technophobin. Sie ist mit digitaler Gestaltung aufgewachsen. Ihr Vater ist Grafikdesigner und ihre Mutter arbeitete damals als Motion-Designerin. Technologie war also schon immer ein willkommenes Instrument, um ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen. „Meine Mutter hatte sich einen Wohnwagen gekauft, ihn in unseren Garten gestellt und sich ihr eigenes Animationsstudio ausgebaut. Das heißt ich bin mit der 90er-Jahre-Version von Photoshop und einem Zeichenpad aufgewachsen.“ Der berufliche Erfolg ihrer Eltern sorgte dafür, dass eine künstlerische Laufbahn im Hause Scott von Anfang an zu den respektablen Karrieren zählte, wodurch Katie unangenehme Zukunftsgespräche als Jugendliche erspart blieben. „Ein Glück musste ich meine Eltern nie davon überzeugen, mich zur Kunsthochschule gehen zu lassen“, erinnert sie sich. Allerdings war es erst der Wechsel vom grünen Kent nach London, der der damals 16-Jährigen die Welt der Illustration nahe brachte. „Ich wusste nicht einmal genau, was Illustrationen waren, bis ich Freunde kennenlernte, die gerade dabei waren, genau das zu studieren! Ich mochte Kunst und Grafikdesign schon immer, aber irgendetwas daran hat sich immer nicht ganz richtig angefühlt. Als man mir dann von Illustrationen erzählte, hat alles auf einmal Sinn gemacht.“

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„Der Abney Park Friedhof ist einer von Londons ,magnificent seven’ und gefällt mir gerade weil er so verwachsen und ungezähmt ist. ”
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„Auf der Treppe in meinem Zimmer stehen zwei große Kakteen, beide stammen aus einem Gartencenter in Nord-London namens Wolves Lane, das etwas baufällig und meist sparsam bestückt, aber wunderschön ist. Das besondere ist, dass sie eigene Ableger von gigantischen alten Pflanzen in ihrem Treibhaus verkaufen. Man findet dort Kakteen mit Charakter, in den ungewöhnlichsten Formen – nicht zu vergleichen mit ihren genormten Artgenossen aus den Standard-Gartencentern.”

Danach verlässt Katie London, um in Brighton zu studieren, die englische Küstenstadt, die besonders für ihre Kunstszene berühmt ist. In Katies Abschlussjahr wird die bekannte Designplattform It’s Nice That auf sie aufmerksam und berichtet über sie als „Studentin des Monats“. Das brachte den Stein ins Rollen. Seitdem kann Katie nicht über zu wenig Arbeit klagen. Als sie nach ihrem Abschluss wieder zurück nach London geht, zieht sie mit Freunden zusammen: „Sich die Miete zu teilen hat uns ermöglicht, an persönlichen Projekten zu arbeiten, ohne allzu sehr von der Auftragslage abhängig zu sein. Andernfalls wäre es wahrscheinlich nicht möglich gewesen, unsere Karrieren in London so gut ins Laufen zu bringen.“

Neben diesem künstlerischen Hintergrund, ihrem Talent und ein bisschen Glück wird Katies Karriere zweifelsohne vor allem durch ihre Geisteshaltung beflügelt. Ihrer unbeschwerten und sehr bescheidenen Art liegt das Selbstvertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zugrunde. Gerade aus der Sicht ihrer Kooperationspartner muss genau das die ideale Kombination sein. Macht es ihr ihre Bescheidenheit dabei manchmal schwer, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen? „Unter allen Umständen versuche ich die Dinge, die mir wichtig sind, zu bewahren. Ich bin nicht unbedingt konfliktsicher, aber ich werde immer besser darin, auch mal ,Nein’ zu sagen. Als ich mit Kew, den königlichen botanischen Gärten, an Botanicum arbeitete, merkte ich schnell, dass sie eine sehr genaue Vorstellung und einen hohen Anspruch haben. Aber sie haben meine künstlerische Herangehensweise stets vollkommen nachvollziehen können. Herausgekommen ist kein Buch für Wissenschaftler, sondern ein Buch, das andere Menschen, vor allem Kinder, zur Wertschätzung von Natur inspiriert.“

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Katies botanische und anatomische Illustrationen

„Ich finde, es gibt Dinge, die Illustrationen und Kunstwerke hinsichtlich der Repräsentation der physischen Welt ermöglichen, die Fotografien nicht bewältigen können.“

Der Erfolg von Botanicum und der anderen Bücher der „Welcome to the Museum“-Reihe zeigt, dass es für ihren ausgefeilten Stil auch ein junges Publikum gibt. Menschen dazu zu bewegen, sich auf etwas Neues einzulassen, ist jedoch nicht immer einfach, wie Katie erklärt: „Du brauchst von Anfang an starke Persönlichkeiten in der Redaktion des Verlags, die es schaffen, dem Druck des Vertriebs standzuhalten, der natürlich die Umsatzzahlen der vorherigen Verkaufsschlager im Kopf hat. Ich stehe überhaupt nicht auf Kinderbücher, die naiv oder kindlich sind. Ich weiß, dass das nicht bei allen Kindern so ist, aber als ich jünger war, wollte ich Zeichnungen sehen, die mich beeindrucken und mich danach streben lassen, selbst so etwas zu versuchen. Als ich diese Bücher gestaltet habe, wusste ich, dass es da draußen noch mehr Kinder wie mich geben muss.“

Katies Verfahrensweisen variieren von Projekt zu Projekt. Während ihrer Arbeit an Botanicum wurde ihr freier Eintritt zu den Londoner Kew-Gärten gewährt, wodurch sie genug Zeit hatte, sich hautnah dem Studium exotischer Pflanzen zu widmen. Sich allerdings wilden Tieren anzunähern, ist nicht immer unbedingt möglich. Um dennoch eine Idee von deren Anatomie zu erhalten, vertraut Katie auf den Reichtum an vorhandenen Illustrationen und Fachartikeln. „Ich zeichne beides gleichermaßen gerne, aber Tiere finde ich schwieriger, weil sie so viel Persönlichkeit haben. Pflanzen sind fast schon mathematisch aufgebaut. Bereits in den wenigen Minuten aufmerksamen Betrachtens lässt sich verstehen, in welchem Winkel die Blätter aus dem Stamm herausragen, und erkennen, wo Stamm und Blatt aufeinandertreffen. Indem man die Struktur der Pflanze und jene Übergänge wahrnimmt, kann man sie bereits für eigene Zwecke entwenden und sie in jedes beliebige Feld übertragen. Wie eine Art Archetyp, mit dem sich fortan weiterarbeiten lässt. Das Gleiche gilt für Blumen. Ein Tier dagegen hat einen Charakter und besitzt Individualität, es hat ein Gesicht.“

„Bei Illustrationen gibst du nicht nur die eine Repräsentation wieder, sondern greifst auch auf jedes einzelne Bild und jede Quelle zurück, die du zuvor aufgesaugt hast.“

Aus diesem Grund zeichnet sie Tiere meistens mit einem Stift vor, bevor sie diese mit dem Tablet überträgt. „Wenn man auf ein Auge zoomt und zu viel Zeit mit der Feinarbeit verbringt, verliert man das Gefühl für die Naturtreue und den Charakter. Es wird zu hyperreal.“ Wenn Katie dann bei der Computerbearbeitung angekommen ist, füllt sie die Flächen mit Farbvarianten ihrer Palette, die aus denselben fünf Wasserfarben bestehen, die sie schon vor Jahren eingescannt hat. Eben jenes unverkennbare Farbspektrum verleiht Katie ihre kraftvolle und dennoch verfeinerte Signatur, die genauso gut zur Modewelt als auch zur Innenarchitektur passt. Was ihren Werken zusätzliche Tiefe verleiht, ist Katies Sinn für Geschichte und Kultur. „Für mich ist nicht nur die heutige Schönheit einer Pflanze ausschlaggebend, sondern auch, in welcher Form sie zuvor existierte. Vielleicht habe ich sie schonmal in einem Buch aus dem Mittelalter oder online auf einer Fotografie gesehen. Das beeinflusst auch, wie ich sie anschließend zeichne. Bei Illustrationen gibst du nicht nur die eine Repräsentation wieder, sondern greifst auch auf jedes einzelne Bild und jede Quelle zurück, die du zuvor aufgesaugt hast.“

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„Das Barbican Conservatory ist einer der wenigen Orte in London, an dem es wunderschön gewachsene exotische Pflanzen zu sehen gibt. Kakteen, beispielsweise, die aus ihrem vorgesehenen Platz ausbrechen und bis zur Decke ragen. Das Alter von Pflanzen, insbesondere das von sehr langsam wachsenden, ist etwas, das mir sehr wertvoll erscheint.”
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Das wird besonders bei einem Blick auf das Skizzenbrett hinter Katies Schreibtisch sichtbar, das eine aktuelle Teamarbeit zwischen ihr, ihrem Freund James Paulley und dem japanischen Floristen und Künstler Makoto Azuma zeigt. Es war Makoto, der Katie für eine Kooperation kontaktierte, nachdem er in seinen letzten Projekten einen Weißkiefer-Bonsai in die Stratosphäre sprengte oder Blumenbouquets in riesige Eisblöcke einfror. Katie erwähnt, dass sie manchmal zurückhaltend auf Anfragen reagiert, auch weil sie schlichtweg nicht alles annehmen kann. Aber in diesem Fall kam sie erst gar nicht zum Zögern. Ihre Ausdrucksweisen unterscheiden sich zwar, sind aber durch das ausgeprägte künstlerische Feingefühl und ähnliche Referenzen miteinander verbunden: Beide interessiert der menschliche Wissensschatz über die Pflanzenwelt sowie das Erkunden der Geheimnisse und Möglichkeiten der Natur.

Der Kernpunkt von Katies Kunst und ihrer Karriere ist Ausgeglichenheit. In ihren Arbeiten spürt man das Spiel zwischen Verführung und Gefahr, Licht und Dunkel, Wirklichkeit und Fantasie, dem Bekannten und Unbekannten. Ihre Karriere gleicht einem Balanceakt zwischen Vision und Kompromiss, Techniken und Technologien, Nein-Sagen und Ja-Sagen. „Manchmal braucht es Grenzen, um Kreativität zu entfachen“, sagt Katie während sie Seitenlayouts diskutiert, aber es klingt, als würde sie etwas Allgemeingültiges sagen. Indem sie sich auf die Eigenheiten der natürlichen Welt eingelassen hat, erschafft sie gleichermaßen einen Raum, in dem die Vorstellungskraft – ihre als auch unsere – sich frei entfalten kann.

Danke, Katie,

für die Einladung in dein Londoner Atelier. Mehr von Katies Arbeiten könnt ihr auf ihrer sehen oder ihr schließt euch ihren zahlreichen Followern auf an. Informationen zu Katies grünen Lieblingsorten hier: und die  Gärten.

Entstanden ist dieses Porträt in Zusammenarbeit von Tourdulich und , basierend auf einem gemeinsamen Interesse an kreativer Arbeit, die sich Naturthemen widmet. Auf der Seite von Werde findet ihr auch , in dem sie erklärt, welche einzelnen Schritte ihre Illustrationen durchlaufen. 

Wer mehr zu unserer Zusammenarbeit mit Werde wissen möchte, findet hier alle bisherigen Porträts.

Text: Amelia Phillips
Übersetzung: Pia Gralki
Fotografie: Liz Seabrook