John Baker & Juli Daoust Baker
Shopbesitzer, Apartment & Store, The Junction, Toronto
Tourdulich × Zeit
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Die klassische weiße Fassade des Mjölk House – gleichzeitig Wohnung und Store – sticht aus einer Reihe roter Ziegelsteingebäude hervor.

Das Haus von John und Juli zu betreten, fühlt sich an, wie in einen Hafen der Ruhe einzukehren. Warmes Licht, minimalistisches Design und eine entspannte Stimmung erfüllen den Raum.

John und Juli sind die kreativen Köpfe hinter  (schwedisch: ‘Milch’), Galerie und Lifestyle-Store mit Fokus auf skandinavisches und japanisches Design. John und Juli beschreiben den Stil von Mjölk House, das sie 2009 gründeten,  als „pur, ehrlich und essenziell”. Ein Grundsatz, der sich auch in ihrer Wohnung wieder findet. Denn Mjölk ist untrennbar mit der Lebensart und dem persönlichen Geschmack des des Duos verbunden. Viele der Produkte, die sie vertreiben, finden sich auch in Regalen und auf Ablagen in ihrer Wohnung wieder. Umgeben von hellem Holz und natürlichem Licht sprachen wir mit John und Juli über das Leben im Viertel The Junction, ihre Faszination für skandinavisches und japanisches Design und den einzigartigen Charakter, den Möbel mit den Jahren gewinnen.

Was habt ihr vor der Eröffnung von Mjölk gemacht?

John: Juli hatte bereits einen Uniabschluss, aber studierte danach noch kuratorische Praxis und Photographie. Zusätzlich arbeitete sie im Verlagswesen. Kurz bevor wir uns kennen lernten, hatte ich die Idee, einen Shop zu eröffnen. Ich beschloss, erst mal einen Job bei einem großen Schreinerbetrieb anzunehmen. Ich arbeitete bei einem Möbelhersteller und -händler in Toronto. Davor war ich in der Werbebranche. Die Dinge, die wir vorher gemacht haben, halfen uns auf eine merkwürdige Weise.

Was hat euch von dieser Wohnung in The Junction überzeugt?

John: Es ist ein sehr schönes Gebäude und ist das letzte Haus mit Metallfassade, hat man uns zumindest erzählt. Ein eigenes Geschäft zu eröffnen und in Toronto Eigentum zu besitzen, ist sehr teuer, also dachten wir: Was ist das beste Viertel, das bezahlbar ist, und in dem wir uns vorstellen könnten, zu leben? Wir dachten zuerst nicht, dass wir hier wohnen wollen, aber als wir dann mehr Zeit in The Junction verbrachten, begannen wir die Eigenheiten des Viertels plötzlich zu schätzen. Es war damals so etwas wie die Geisterstadt Torontos, weshalb viele der ein historischen Gebäude gar nicht erst renoviert wurden. Aber wir wussten, dass Mjölk ein Destination-Store werden sollte, also war es uns hauptsächlich wichtig, wo wir leben und unsere Wurzeln schlagen wollen.

Was war eure Vision für die Einrichtung der Wohnung?

Juli: Japan und Skandinavien sind unsere ästhetischen Vorbilder, also war unsere Vision einfach, klassisch und reduziert.

Was fasziniert euch so an japanischem und skandinavischem Design?

John: Skandinavien und Japan sind zwei Orte, die wir bereist haben und die einen starken Einfluss auf unsere Auffassung von Design und Architektur hatten. Aber auch in vielen philosophischen Aspekten fanden wir uns wieder. In einem Punkt sind sich Skandinavien und Japan ähnlich: Ich finde, dass es dort eine Verehrung und fast spirituelle Verbindung zur Natur gibt, die einen hohen Stellenwert hat. Damit kann sich wahrscheinlich jeder Kanadier identifizieren, weil unsere Kultur eng mit der großen und weitläufigen Kanadischen Landschaft verbunden ist.

Wir haben uns mit diesen Elementen im Zusammenhang mit Design und Lifestyle beschäftigt und darüber nachgedacht, wie wir sie für Menschen in Kanada relevant machen können. Wenn ich an jemanden wie den finnischen Architekten Alvar Aalto denke, finde ich, dass viele seiner Gebäude von der finnischen Landschaft geprägt sind, die der Ontarios eigentlich sehr ähnlich ist. Wäre Kanada ein homogener Ort, der tausend Jahre Zeit hätte, eine eigene Ästhetik zu entwickeln, würde es hier vielleicht ähnlich aussehen. Auch wenn das womöglich nie passieren wird, können wir uns trotzdem der Architektur- und Designelemente dieser Länder bedienen und unser Leben hier sehr schnell verbessern.

Wie wählt ihr die Möbel für eure Wohnung aus? Gibt es Dinge, auf die ihr dabei besonders Wert legt?

Juli: Wir fühlen uns zu natürlichen Materialien und Verarbeitungsweisen hingezogen, zu hellem Holz und pflanzlich gefärbtem Leder. Wir mögen klare Linien, dänische Holzarbeiten, Shaker-Stil und die Sensibilität japanischer Formen. Børge Mogensen ist einer unserer Lieblingsdesigner; unsere Esstischkombination, das Sofa und die Sessel sind von ihm. Wir versuchen, Stücke auszuwählen, an denen wir lange Freude haben. In vielerlei Hinsicht werden sie mit unserer Familie wachsen und sich verändern, was etwas sehr besonderes ist. In zehn Jahren wird unser pflanzlich gefärbtes Sofa wesentlich dunkler sein und auch dann noch weiter nachdunkeln.

Unsere Kinder stehen gerne auf der Nakashima Bank, wenn sie unten die Straße beobachten und kauen an der Rückseite – dabei hinterlassen sie winzige Zahnabdrücke, die uns für immer an diese frühen, flüchtigen Tage erinnern.

Ihr lebt und arbeitet zusammen, der Store liegt direkt unter eurer Wohnung. Wie haltet ihr die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben aufrecht?

John: Wir ermutigen uns gegenseitig, weniger Grenzen zu haben, weil es in unserem Store um vereinfachtes Leben geht. Wir leben oben und arbeiten unten, aber es fühlt sich nicht  anders an, als in unserer Wohnung. Die Tür geht andauernd auf und zu, es gibt keine wirkliche Trennung beider Bereiche.

Ist es euch manchmal zu viel, dass Leben und Arbeiten so eng miteinander verbunden ist?

John: Wir haben hier viel Platz, das allein hat eine beruhigende Wirkung. Natürlich ist es immer wieder stressig, ein eigenes Geschäft zu führen, aber die Atmosphäre hilft sehr dabei, Ruhe zu bewahren. Wir sind selbst ziemlich locker. Wir haben Kinder, dass ist die beste Ablenkung der Welt. Wenn wir oben sind, können wir nicht arbeiten, weil sie uns die Computer wegnehmen oder so lange auf uns einreden, bis wir nachgeben.

Wählt ihr Stücke für euer Zuhause und euren Shop unterschiedlich aus?

Juli: Da gibt es keinen Unterschied. Der Shop ist unser erweitertes Zuhause. Wir stellen im Shop gerne Objekte und Möbel in einem lebendigen Kontext aus. Am wichtigsten ist es uns, uns mit Objekten, Textilien und Kunst zu umgeben, die wir mögen.

John: Unser Zuhause ist wie ein lebendiges Labor, in dem wir mit den Dingen wirklich leben. Wenn man sich in unserem Laden umschaut, gibt es sehr wenig Konkurrenz innerhalb der Produkte. Wir wollen keine drei verschiedene Schuhlöffel oder sechs verschiedene Teekessel anbieten. Die Vorstellung, dass ein Kessel zu unserer Persönlichkeit passt und ihn dann in mehreren Farben anzubieten, ist absurd. Wir versuchen, die Archetypen dieser Produkte zu finden. Das ist unser Ziel. Unser Zuhause ermöglicht uns, durch eigenes Benutzen eine Auswahl zu treffen.

Welche Kriterien müssen Künstler und Designer erfüllen, die ihr im Mjölk House zeigt?

John: Es gibt ein paar Menschen, zu denen uns die Beziehung besonders wichtig ist. Das skandinavische Architekturbüro Claesson Koivisto Rune zum Beispiel, mit denen wir eine Produktkollaboration gemacht haben. Sie haben uns ihrer Designwelt nahe gebracht und uns unter ihre Fittiche genommen. Viele unserer skandinavischen Stücke im Store haben wir über die persönliche Verbindung mit Designern und Architekten gewonnen. In Japan andererseits herrscht eine sehr verschlossene Kultur. Aber sobald man einmal Teil ihrer Welt ist, kennt jeder jeden. Wir haben unsere Kontakte im Prinzip aus dem Nichts aufgebaut. Es war eine große Herausforderung. Aber jetzt haben wir einen Punkt erreicht, an dem ich selbst erstaunt bin, mit welchen Größen wir nach fünf Jahren zusammenarbeiten konnten.

Es ist schwer zu sagen, warum wir Menschen auswählen und andere nicht. Wir vertrauen auf unser Bauchgefühl. Dazu kommt, dass sich japanisches und skandinavisches Design für mich nicht wirklich vergleichen lässt – ich verwende für beide ganz unterschiedliches Vokabular. Japanische Ästhetik ist für mich so spirituell, im Englischen lässt sich das gar nicht in Worte fassen. Die skandinavische Seite ist pragmatischer. Ich finde, sie gleichen einander – und damit auch den Store – sehr gut aus.

Danke, John und Juli, für diese Tour von eurem Zuhause und Store. Wer gerade nicht in Toronto ist, kann die Welt von im Onlineshop entdecken. Weitere Portraits aus Toronto finden sich hier.

Dieses Portrait ist Teil unserer Serie in Kollaboration mit Vitra. Mehr zu John und Julis Einrichtungsstil im .

Photographie: Titus Chan
Interview & Text: