Alex Laurel
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Weißer Sand, türkisblaues Wasser und meterhohe Wellen vor tropischen Pflanzen – dieses Bilderbuch-Panorama verbinden viele Menschen mit dem Surfsport. Dem französischen Surf-Fotografen Alex Laurel sind derartige Schauplätze bestens vertraut, denn das Paradies gehörte lange Zeit zu seinem natürlichen Arbeitsumfeld.

Nach vierzehn Jahren als fest angestellter Fotograf beim Surf Europe Mag und fünf Jahren bei Nike 6.0 hat Laurel so ziemlich jede Warmwasserwelle, die ein gutes Motiv abgibt, gesehen und fotografiert – von Teahupoo in Tahiti bis hin zur berühmten Pipeline auf Hawaii. Heutzutage begeistert ihn dieser visuelle Aspekt des Surfens jedoch immer weniger. “Die Branche ist übersättigt mit Bildern von weißen Sandstränden, blauem Wasser und Palmen”, sagt er.

In letzter Zeit interessiert sich Laurel deshalb eher für Schauplätze, die andere Motive hergeben: Er reist in eisig kalte und abgelegene Gebiete, um Surfer vor Kulissen abzulichten, die nur selten fotografiert, geschweige denn gesurft werden. “Es sind die Reisen zu wilden, unvorhersehbaren und einsamen Orten wie Island und Russland, die mir am stärksten in Erinnerung geblieben sind.” Mit großer Begeisterung erzählt er von Fotoproduktionen im zwei Grad kalten Wasser an einem Fjord in Island: “Als ich mich umschaute, sah ich nur schneebedeckte Berge – ein Ort, an dem man niemals Surfer erwarten würde.”

Der Autodidakt möchte Bildwelten abseits der stereotypen Surf-Fotografie erschaffen. Da auch das Fotografieren von großen Wellen zu seinen Leidenschaften gehört, studiert er täglich die Wetterkarten. Sobald sich ein heftiger Sturm ankündigt, lässt er alles zurück und macht sich auf den Weg zu den Riesenwellen. Als 2014 der Sturm Herkules auf die Küste seines Heimatortes in Biarritz traf, fuhr er mit seinem Jetski so nahe an die Monsterwellen wie kein anderer – mit dem Ziel, das bestmögliche Bild zu bekommen. „Das erfordert Erfahrung, körperliche Fitness und eine Menge Kopfarbeit“, wie er betont.

Im Interview spricht Laurel über seine Herkunft, das Leben aus dem Koffer, die neu entdeckte Passion für Kaltwasser-Surfgebiete und den Status quo der Surf-Fotografie.

Alex, du zählst zu den renommiertesten Surf-Fotografen weltweit. Wie bist du zur Surf-Fotografie gekommen?

Als ich ein Teenager war, veranstaltete meine Schule in Gabun eine Orientierungswoche, in der es um unsere zukünftige Berufswahl ging. In dieser Woche konnten wir erstmalig praktische Berufserfahrungen außerhalb der Schule sammeln. Mein Vater hatte einen guten Freund in Gabun, der als Reporter für Gamma, eine französische Fotoagentur, arbeitete. Er spornte mich an, mir doch mal die Arbeitsweise eines Fotografen anzuschauen. Ich war 14 Jahre alt, dachte nur ans Surfen und hatte den festen Glauben, dass Fotografen ein unbeschwertes Arbeitsleben führen und dabei die Welt bereisen.

Nachdem ich vom Helikopter aus die Mangroven und den üppigen Wald Gabuns fotografiert hatte, war ich total angefixt. Mit der Vorstellung, dass ich das Fotografieren mit meiner Surfleidenschaft verbinden könnte, war mir schnell klar: Ich will Surf-Fotograf werden! Der Vater meines Freundes unterstütze mich auf diesem Weg, wo er nur konnte. Nachdem ich mein erstes Praktikum erfolgreich abgeschlossen hatte, durfte ich jederzeit sein Studio besuchen und seine Ausrüstung für meine ersten Fotos benutzen. Es war wie ein Traum für mich.

Du bist in Frankreich geboren, aber nach Gabun in Afrika gezogen, als du jung warst. Nun bist du wieder in Frankreich. Wie kam es dazu?

Mein Vater hatte die Möglichkeit, in Afrika zu arbeiten, daher beschloss unsere Familie, dorthin zu ziehen. Es war großartig, in Afrika aufzuwachsen, obwohl es zu dieser Zeit nicht viel zur Unterhaltung gab: kein Fernsehen, keine Kinos, keine Fußballfelder oder andere Sporteinrichtungen – nichts von alledem. Weit und breit gab es fast ausschließlich unbefestigte Straßen und eine einzige Ampel für die ganze Stadt, die fast nie funktionierte. Aber wir hatten das Meer direkt vor unserem Haus. Unterwasserfischen und Surfen – das waren die Aktivitäten, die meine Kindheit prägten. Der einzige Nachteil war, dass ich in Gabun nicht als Surf-Fotograf arbeiten konnte. Deswegen beschloss ich, zurück nach Frankreich zu ziehen, um dort mein Glück zu versuchen.

Genau genommen bist du nach Anglet gezogen, nahe der französischen Surf-City Nummer eins: Biarritz. Was macht dieses Gebiet in Bezug auf das Surfen so besonders?

Biarritz hat zwar den besten Ruf, aber eigentlich trifft sich die Surfszene in Hossegor, wo all die bekannten Surf-Firmen wie Quiksilver, Billabong und Rip Curl ihren Sitz haben. Hier finden auch alle Wettbewerbe der WSL (World Surfing League) statt. Biarritz ist in der Szene trotzdem sehr beliebt, weil es hier die ersten Surfer in Frankreich gab. Die besten Wellen finden sich allerdings in Hossegor. Fast jeder, der in der Branche arbeitet, ist auch Surfer und versucht, so viel Zeit wie möglich im Wasser zu verbringen: vor der Arbeit, während der Mittagspause oder nach der Arbeit. Wenn die Wellenbedingungen gut sind, ist es schwierig, die Leute im Büro zu halten. Biarritz ist ein Ort mit leichtem Zugang zu guten Wellen, daher ist es die perfekte Surf-Location.

Du reist von Welle zu Welle, aus dem Koffer zu leben ist Teil deines Jobs. Was bleibt bei diesem Lifestyle auf der Strecke?

Surf-Fotograf zu sein ist zweifelsfrei ein Traumjob, aber der dazugehörige Lebensstil hat auch Schattenseiten. Als meine Tochter gerade mal zwei Wochen alt war, musste ich spontan zu einem dreiwöchigen Trip nach Hawaii, um dort eine Werbekampagne für Nike zu fotografieren. Zu der Zeit fiel es mir schwer, ins Paradies zu fliegen. Auch die Hochzeit meines Bruders musste ohne mich stattfinden. Wenn meine Familie Monate im Voraus Pläne schmiedet, wissen sie schon, dass ich eventuell nicht kommen kann. Surf-Fotografie und Surfen im Allgemeinen kann schleichendes Gift für Beziehungen sein. Man muss immer bereit sein, Freunde und Familie sowie alles andere hinter sich zu lassen, um auf die andere Seite des Globus zu jetten. Zum professionellen Surfen gehört die unabdingbare Leidenschaft. Der Wille, gute Wellen zu surfen oder zu fotografieren, steht über allem anderen.

Welches sind die besten Reiseziele für Surfer und Surf-Fotografen?

Die Mentawai-Inseln gelten aufgrund ihrer surrealen und kontrastreichen Farben, idealen Lichtverhältnisse und Weltklasse-Wellen als Top-Ziel. Teahupoo auf Tahiti besitzt einige der kraftvollsten und imposantesten Röhrenwellen (sog. Barrel) auf diesem Planeten. Fotografen können hier in einem Boot sitzen, nur 50 Meter entfernt in einem sicheren Bereich, und direkt in das riesige, gefährliche Maul dieser Monster-Wellen blicken. Und dann gibt es noch diese ungewöhnlichen Wellenparadiese in kalten und schwer zugänglichen Ländern, die keine stereotypischen Strandlandschaften bieten. Meine intensivsten Eindrücke stammen von Reisen an die wilden und winterlichen Surfspots von Island und Kamtschatka.

Wellenreiten in Island und Kamtschatka – klingt alles andere als nach Klischee-Surfspots. Was zieht dich persönlich an diese Orte?

Es geht eigentlich um die ganze Erfahrung, diese andersartigen Orte kennen zu lernen. Wenn man ans Surfen denkt, stellt man sich typischerweise weiße Strände, Kokosnüsse und Palmen vor. Wenn du dann in Ländern wie Island oder Russland bist, fühlt es sich irgendwie sehr erfrischend an, da es Landschaften sind, an dem man niemals Surfer erwarten würde. Nur wenige denken beim Wellenreiten an einen mit Eisschollen versehenen Fjord in Norwegen oder einen Spot, der von schneebedeckten Bergen umgeben ist. Gerade in Island kann es passieren, dass über einen einzelnen Tag verteilt die Ausprägungen aller vier Jahreszeiten hintereinander in Erscheinung treten. Das ist etwas, was mich stark fasziniert, weil es eine ganz neue Erfahrung ist.

Surfer sind immer auf der Suche nach guten Wellen an möglichst unbekannten Orten. Welche Region bietet deiner Meinung nach hierfür das größte Potenzial?

Surfer verbringen viel Zeit auf Google Maps und Google Earth. Wir erkunden verschiedene Länder und untersuchen topografische Karten im Netz, um neue Orte mit Potenzial für gute Wellen zu finden. Wenn sich ein Sturm über dem Meer ankündigt und auf ein bestimmtes Gebiet zuläuft, muss man es einfach versuchen und schauen, ob an der erwarteten Stelle tatsächlich Wellen entstehen. Neue Wellen zu finden, ist immer eine Investition. Aber genau das macht das Surfen aus.

Surfen ist in den vergangenen Jahren so groß geworden, dass es immer schwieriger wird, eine Welle zu finden, die man für sich alleine hat. An den beliebten Stränden gibt es einfach nicht genug Wellen für die Massen an Surfern. In meiner Heimat in Frankreich sind die guten Spots fast das ganze Jahr über so voll, dass man nicht entspannt surfen kann. An bestimmten Tagen fahre ich mit meinem Jetski an Spots heran, die vom Land aus nicht zugänglich sind. Hier kann ich dann ungestört surfen.

2013 konnte man die bis dahin größten Wellen in Belharra, einem Riff vor der französischen Atlantikküste, ganz in der nähe deines Heims bestaunen. Du nahmst dein Jet-Ski, um die Big-Wave-Surfer dort zu fotografieren. Wie hast du den Tag erlebt?

Als wir vom Hafen in St.-Jean-De-Luz aus in Richtung Riff starteten, sahen wir, wie sich weit draußen am Horizont erste Linien abzeichneten, die sich zu gigantischen Wellenbergen auftürmten. Man spürte und hörte, dass der Sturm etwas Besonderes war. Wir waren nicht die einzigen, die aufs Riff hinausfuhren. Insgesamt versammelten sich um das Riff herum fast zwanzig Boote und Jetskis – vollgepackt mit Surfern, Filmern und Fotografen aus der ganzen Welt. Alle waren hochkonzentriert. Es war eine friedliche und surreale Stimmung – bis zu dem Moment, als die Riesenwellen heranrollten.

Mein Ziel war es, die Höhe und Kraft der Wellen von Belharra zu zeigen. Um das zu schaffen, musste ich mit dem Jetski so nahe wie möglich direkt vor die Welle gelangen. Mein Jetski-Pilot fuhr mich direkt vor die Aufprallzone der Welle und beschleunigte, sobald ich den Auslöser betätigte. Wir hatten also 10 bis 15 Meter Platz, bevor uns das Weißwasser treffen konnte. Auf diese Weise ist das Bild von Jamie Mitchell entstanden.

Wie bereitest du dich auf derartig gefährliche Produktionen vor?

Es ist wichtig, dass man es langsam angeht: Schritt für Schritt. Zuerst muss man sich mit den Wellen und der umliegenden Natur vertraut machen. Man muss genau wissen, wann das Wasser auf- und wieder abläuft, wie tief das Riff ist, wo Strömungen im Wasser auftreten, wie kalt es ist und welche Ausrüstung benötigt wird. Speziell beim Fotografieren von Big Waves in unbekannten Gebieten sind eine gute Vorbereitung und das Ausloten möglicher Gefahren essenziell. Der Job erfordert definitiv viel Erfahrung, Übung und ein gutes Team. Gute Surf-Fotografen sind typischerweise auch immer selbst Surfer. Sie haben es über Jahre hinweg gelernt, Wellen zu lesen und mögliche Gefahren einzuschätzen.

Wer die entsprechenden Fähigkeiten besitzt und mit der Technik (z.B. Jetski) vertraut ist, ist bereits gut vorbereitet. Natürlich kann man auch mit dem Fotografieren aus sicherer Distanz, vom Strand aus, starten. Danach arbeitet man sich langsam vor, um verschiedene Perspektiven auszuprobieren. Aber am Ende des Tages ist es alles eine psychologische Sache: Man braucht viel Selbstvertrauen, und das bekommt man nur, wenn man körperlich fit ist und viel Erfahrung besitzt. Ich haben einen großen Teil meines Lebens im Wasser verbracht, im Alter von acht Jahren bin ich bereits mit dem Bodyboard gesurft. Wer sich nicht bereit fühlt, sollte auch nicht ins Wasser gehen.

Du hast 14 Jahre für das Surf Europe Mag und fünf Jahre für Nike 6.0 jeweils als fest angestellter Fotograf gearbeitet. Mittlerweile bist du Freelancer. Warum?

Bezahlte Fotografie ist vom Aussterben bedroht. Heutzutage ist doch jeder ein Surf-Fotograf. Surf Europe war am Rande der Insolvenz – daher mussten alle angestellten Fotografen gehen. Nike hat sich aus der Surfbranche zurückgezogen. Im Nachhinein war das eher Glück im Unglück für mich. Freelancer zu sein begünstigt die Kreativität. Als ich noch an Verträge gebunden war, hatte ich immer viele Ideen und Dinge im Kopf, die ich realisieren wollte. Mir fehlte aber die Zeit dafür. Jetzt mache ich die Sachen, die ich wirklich liebe, und das in Eigenregie. Ich habe mich schon immer für Filmaufnahmen interessiert. Auf dieses Thema habe ich mich in den vergangenen paar Monaten komplett gestürzt.

Was denkst du über die Surf-Fotografie von heute?

Durch Instagram und Social Media kann jeder heutzutage ein Fotograf sein. Einige Surf-Magazine müssen schließen, und die Publisher sind immer seltener dazu bereit, angemessen für Bilder zu zahlen. Ich habe wie gesagt beschlossen, mich neben der Fotografie verschiedenen Filmprojekten zu widmen. Aktuell arbeiten wir mit einem großen Team von Filmern und Big-Wave-Surfern an einer Dokumentation über die großen Wellen in Europa. Jeder kennt inzwischen die Monsterwellen aus Nazaré, aber es gibt hier in Europa noch viel mehr Potenzial für die Entstehung von Riesenwellen, speziell in Irland.

Das Filmen ist für mich eine neue und andere Herangehensweise – dennoch geht es für mich dabei immer noch darum, den perfekten Moment zu finden. Dazu kommt, dass die meisten Perspektiven schon gezeigt wurden. Das letzte Projekt, das wirklich etwas Neues präsentierte, war das von . Laurent ist ein ehemaliger Pro-Surfer, er folgt den Surfern selbst auf dem Brett stehend in die Welle hinein und fotografiert sie aus einer besonders nahen Perspektive im Wellentunnel.

Es ist wirklich schwierig, eine neue Perspektive zu finden: Vom Land, unter Wasser oder von oben mit dem Helikopter oder der Drohne – das alles gab es schon. Zudem will man nach 15 Jahren als Fotograf auch mal was Neues machen. Da mich Filmaufnahmen und die schnellen Bildwechsel in Videos schon immer interessierten, gehe ich jetzt künftig verstärkt in diese Richtung.

Welche weitere Projekte stehen dieses Jahr noch an?

Ende April gehe ich auf einen zweitägigen Foto-Roadtrip mit Marlon Lipke und einigen Bloggern in dem neuen . Anschließend geht’s für ein paar Surf-Filmprojekte auf die Mentawai-Inseln und dann nach Südchina. Ich bin bis Ende Mai 2015 ausgebucht.

Alex, wir danken dir für das Gespräch und den Einblick in dein spannendes Leben! Mehr von Alex’s Arbeiten gibt es auf seiner -Seite.

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